Die Passion in 3. Generation:
   
Stefan Kanders beim Zusammenstellen einer Auswahl an blühenden Azaleen.
Fotos: CMA
Stefan Kanders beim Zusammenstellen einer Auswahl an blühenden Azaleen.
„Ich möchte nichts anderes machen als Azaleen.“

Kurz vor Geldern am Niederrhein geht es von der Autobahn ab auf die Landstraße, vorbei an grünen Weiden und Gartenbaubetrieben mit Gewächshäusern und Freilandkulturen. Mehrere Firmenschilder weisen inmitten der fruchtbaren Ackerlandschaft den Weg zur Gärtnersiedlung, in der auch die Gärtnerei Kanders liegt. Seit über 30 Jahren werden hier Zimmerazaleen, botanisch Rhododendron-Simsii-Hybriden, angezogen. Dicht gedrängt stehen die Gewächshäuser mit Azaleen in verschiedensten Größen und Kulturstufen, und man sieht durch die gläsernen Wände direkt auf die Azaleenkulturen der Nachbarn. Entstehen durch so viel Nähe keine Konkurrenzprobleme? Stefan Kanders, seit 2002 mit seinem Vater in der Betriebsleitung, lacht: „Nein, keinesfalls. Zu Beginn der sechziger Jahre wurde Baugrund ausgeschrieben und es entstanden hier in Geldern-Lüllingen mehrere Gärtnereien, u.a. auch die meines Großvaters, Theo Kanders. Wir sind mit den Nachbarn groß geworden und machen uns keine Konkurrenz. Im Gegenteil – wir ergänzen uns und übernehmen Teile der Kultur des Nachbarn oder umgekehrt. Trotz der räumlichen Nähe kommen wir gut miteinander aus. Man kennt sich halt.“

Bei der Gründung des Betriebes im Jahr 1963 wurden von Theo Kanders noch Gemüse und Schnittblumen angebaut, aber heute können sich Sohn und Enkel keine andere Kultur mehr vorstellen. „Die Vielfalt der Farben und Formen bei Azaleen ist faszinierend.“ Dabei wird die betriebswirtschaftliche Seite für die Gärtner immer schwieriger: „Die Verkaufspreise für Azaleen sind seit Jahren gleich geblieben, während die Produktionskosten ständig steigen.“ Schwierig auch, weil Azaleen bis zu drei Jahren oder länger kultiviert werden, also im Betrieb langfristig Produktionsfläche und Arbeitskapazität binden. Dennoch hat für Stefan Kanders auch in der Zukunft die Azalee oberste Priorität. Seine ganze Leidenschaft gehört diesen Pflanzen. Dem Besucher der Gewächshäuser zeigt sich ein grünes Meer von Azaleen in den unterschiedlichsten Stadien. Jährlich werden hier etwa eine halbe Million Pflanzen produziert. Von den marktüblichen fünfzig Sorten sind ungefähr dreißig in den Farben Weiß, Rosa, Lachs, Rot, Violett und Flieder sowie Mehrfarbige in Kultur. Damit nicht genug: Seit 1999 haben die Gärtner auch den Ehrgeiz, eigene Azaleen zu züchten, mit dem Ziel, in absehbarer Zeit noch bessere Sorten auf den Markt zu bringen. Kriterien für die Züchtung sind gleichmäßige Blüten, lange Haltbarkeit, attraktive Blütenfarben und schönes Laub. Mehr noch als bei der Kultur von Azaleen ist bei der Zucht vor allem Geduld notwendig, denn in der Regel vergehen zehn Jahre, bis eine neue Azalee auf den Markt kommt. Nach einer gelungenen Testphase im Betrieb müssen die Pflanzen diverse Prüfstadien beim Bundessortenamt durchlaufen, bis eine neue Sorte überhaupt erst angemeldet werden kann. „Ob sie auf dem Markt erfolgreich sein wird, weiß man dann immer noch nicht,“ stellt Kanders trocken fest „aber es wäre einfach zu schön, eine eigene Sorte auf den Markt zu bringen.“ In einem kleinen Gewächshaus zeigt der Junior auf verschiedene Sämlinge, die dort zur Beobachtung stehen. Über Wachstum, Blüte, Aussehen usw. dieser Testpflanzen werden genaue Aufzeichnungen angelegt, der Züchter spricht von der Bonitierung der Pflanzen. Anhand der Aufzeichnungen wird später entschieden, ob sich die eine oder andere zur Anmeldung als neue Sorte eignet.
Die Pflanzen kommen per Fließband. Vater und Sohn beim manuellen Stutzen der Azaleen.
Die Pflanzen kommen per Fließband. Vater und Sohn beim manuellen Stutzen der Azaleen.
Je nach Kundenwunsch
das richtige Maß


„Wir kultivieren Azaleen in verschiedenen Größen und Stadien für den Verkauf an Großhändler. Bei uns bekommen Sie von der Baby-Azalee im kleinsten Topf mit 5,5 cm Durchmesser bis zum Hochstämmchen im 15 cm Topf die gesamte Produktpalette“, so Stefan Kanders während des Rundgangs. Zweimal im Jahr herrscht Hochbetrieb. Im Frühjahr müssen alle Pflanzen gestutzt und auf den optimalen Abstand gerückt werden, damit sie sich nicht im Wachstum behindern. Trotz Mechanisierung fällt viel Handarbeit an. Zwei feste Mitarbeiter und je nach Saison zwei weitere Aushilfen sind neben den Familienarbeitskräften im Einsatz. Die zweite Arbeitsspitze ist Ende August, Anfang September, wenn wiederum das Stutzen der Pflanzen und die Vermehrungsarbeiten anstehen. Die Stecklinge werden einzeln per Hand auf die richtige Länge geschnitten und zur Bewurzelung zu zweit oder zu dritt in Töpfe gesteckt. Je nach gewünschter Verkaufsgröße werden sie während der nächsten zwei bis drei Jahre noch mehrmals gestutzt. „Im Durchschnitt haben wir hier bis zum Verkauf jede Pflanze ungefähr 30 Mal in der Hand. Rund 65 Prozent unserer Azaleen verlassen als Jungpflanzen, als so genannte Einschnittware, den Betrieb und werden von spezialisierten Treibgärtnereien weiterkultiviert. Etwa 20 Prozent der Pflanzen verkaufen wir als Blühware und die restlichen 15 Prozent als Rohware. Dabei handelt es sich um knospige Pflanzen, die von Kollegen in drei bis vier Wochen angetrieben, d.h. wärmer gestellt werden, damit sie blühen.“ Qualitätsanbau mit modernsten Hilfsmitteln

Nicht ohne Stolz präsentiert Stefan Kanders die Gewächshäuser, die Maschinen und die gut gedeihenden Pflanzen: „Mittlerweile umfasst der Betrieb einschließlich Pachtfläche 2,75 Hektar, das sind 27.500 Quadratmeter.“ Bewirtschaftet wird alles mit modernsten Arbeitsmitteln. Auf Fließbändern laufen die Pflanzen von einem Gewächshaus zum nächsten und werden unterwegs automatisch gestutzt; Topfmaschinen befüllen die Töpfe und Hebevorrichtungen bewegen ganze Paletten. Hier hat die EDV längst Einzug gehalten; die Ware ist zu kostbar, um Ungenauigkeiten zulassen zu können. Mit einem Computer wird das Klima in den Gewächshäusern gesteuert. Auch die Bewässerung und Düngung regelt der PC. Ein eigener Brunnen sowie ein Regenwasserauffangbecken sorgen für eine gute Wasserqualität, „wir hatten auch in diesem heißen Sommer immer genug Wasser aus dem eigenen Brunnen“. Die Qualität des Gießwassers spielt eine entscheidende Rolle, weshalb in regelmäßigen Abständen Gießwasseruntersuchungen durchgeführt werden. Die Düngergaben werden jeweils dem Wachstumsabschnitt der Pflanzen angepasst, so dass eine optimale Versorgung gewährleistet ist. „Das ist heute in Betrieben unserer Größe der Stand der Technik. Nix besonderes also, es ist eher so, dass wir ohne diese Technik nicht marktfähig wären.“
Ein Blick in die Gewächshäuser: Azaleen soweit das Auge reicht.
Ein Blick in die Gewächshäuser: Azaleen soweit das Auge reicht.
Für die Zwischenlagerung von Stecklingen oder von Roh- und Blühware, bei der ein sofortiges Aufblühen der Knospen verhindert werden soll, verfügt die Gärtnerei über ein 400 Quadratmeter großes Kühlhaus. Hier zeigt sich, wie robust Azaleen sind. Stecklinge können bei ca. 2 Grad C bis zu acht Wochen problemlos im Kühlhaus zwischengelagert werden. Roh- und Blühware kann vor dem Verkauf bei ca. 2 Grad C, Dunkelheit und einer relativen Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent sogar bis zu zehn Wochen im Kühlhaus bleiben, ohne an Qualität zu verlieren. „Azaleen sind viel einfacher als ihr Ruf,“ so der Gärtner, „wir haben keine Probleme mit Krankheiten oder Schädlingen. Anspruchsvoll sind Azaleen nur bei der Temperatur. Wenn sie hell und möglichst kühl stehen, blühen sie bei uns bis zu acht Wochen lang! Gute Qualität der Pflanzen erkennt man an gleichmäßigem Wuchs, dunklem Laub und daran, dass die Blüten gerade erst aufbrechen. Mit solchen Azaleen haben Sie lange Freude zu Hause.“

Wohin sich der Betrieb entwickeln wird, wollen wir von dem Junior wissen. Größer werden kann die Gärtnerei am jetzigen Standort nicht, alle Flächen sind belegt. Aber die weitere Optimierung in der Technik soll die Kulturführung noch sicherer machen. Für die nächste Zukunft sind große Schritte geplant: „Mein größtes Ziel ist die erfolgreiche Einführung einer neuen Azaleen-Sorte. Wir haben zurzeit 26 interessante Pflanzen in der Bonitierung. Ich denke, dass wir in Kürze zwei oder drei Sorten zum Sortenschutz anmelden können.“ Vater und Sohn sind sich einig: „Azaleen sind unsere Passion!“

Quelle: http://www.cma.de/

Eingestellt am 13.09.2003
Detlef Klemme - 
hochstift-live.de

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